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Heiko Storz

Heiko Storz (*1966) ist Textilunternehmer mit Sitz am süddeutschen Bodensee. Der ausgebildete Schnittmacher und studierte Modedesigner ist absoluter Experte wenn es um Hemden geht. Nach führenden Positionen bei Mexx und Seidensticker war er viele Jahre für das deutsche Tradtionshaus Schiesser tätig, wo er als Managing Director den Bereich Herren und Lizenzen verantwortete und innovative Kooperationen u.a. mit Kostas Murkudis (ex Helmut Lang und Diesel), Adidas und Yoshi Yamamoto lancierte. 2012 gründete er sein eigenes Unternehmen und bringt in seiner Hemdenmarke 'FIL NOIR- Finest Casual Wear' seine Vision von höchster Handwerkskunst und zeitgeistigem Design zusammen. Und das zu ertaunlich erschwinglichen Preisen. Er war einer der ersten, der das Thema Nachhaltigkeit konsequent in seiner Unternehmensphilosophie verankerte. So ließ er beispielsweise von Anfang an ausschließlich in Europa produzieren und stellte die gesamte Verpackung auf recyceltes Papier um. Seine Linie ‚FIL NOIR respect’ wurde erst kürzlich mit dem führenden Zertifikat für organische Textilien und fairen Handel ‚GOTS’ ausgezeichnet. Der Erfolg gibt ihm Recht: Seine Hemdenkollektionen sind heute weltweit an über 400 Standorten präsent, darunter in Neuseeland und Japan.
 

Wir können auf das hoffen, was wir aktiv mitgestalten

Madeleine Schwinge:

Lieber Heiko, Dein Name steht für die gelungene Verbindung aus Tradtion, Qualität und Innovation. Mit deiner Hemndenmarke FIL NOIR führst du eine über 100jährige Tradition eines italienischen Familienunternehmens fort, und spinnst die Idee von hochwertigen italienischen Stoffen und perfekter Schnittführung weiter. In deinem aktuellsten Projekt '59 inches, finest casual sportswear' gehst du sogar noch einen Schritt weiter, indem du zwei Welten miteinander verbindest: Westliches Design und japanische Tugenden wie Fokus auf Wertigkeit, unermüdliches Streben nach Perfektion und Innovation vermengen sich zu einem Produkt für eine neue Generation, die patchworkartig unterschiedlichste Prinzipien und Ideen vermengt und für die Sinn und Respekt ganz selbstverständlich zu gutem Design dazugehören.

Wir leben unstrittig in einer Zeit großer Umbrüche und Shifts. Angesichts der großen Herausforderungen, die unsere aktuelle Epoche prägen, Klimawandel, Füchtlingskrise, das erneute Aufkeimen totalitärer politischer Ideen und das globale Auseinanderdriften von Arm und Reich, um nur einige zu nennen - dürfen wir es da überhaupt wagen, je auf eine bessere Zukunft zu hoffen?

Welche Rolle kann das Prinzip „Erzählung“ deiner Meinung nach für die Bewältigung großer Krisen und Umbrüche spielen?

 

HS:

Ich gehe mit Jospeh Beuys: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden, sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen“. Das heißt mit anderen Worten, wir können auf das hoffen, was wir aktiv mitgestalten, Hoffnung allein erscheint mir keine gute Lösung.

MS:

Welchen Einfluss können Design und Kunst Deiner Meinung nach auf gesellschaftlichen Wandel haben? Können Designer oder Künstler mit ihrer Arbeit persönliche und gesellschaftliche Veränderungen anregen? Und was ist deiner Meinung nach die Aufgabe von zeitgenössischer Kunst und was die Rolle von Künstlern in der Gesellschaft?

 

HS:

Vor der Antwort auf diese Frage stellt sich eine andere: Was ist Kunst? Im ursprünglichen Sinne ist Kunst ein menschliches Kulturprodukt, das Ergebnis eines kreativen Prozesses. Unter diesem Aspekt ist FIL NOIR als ein solches Ergebnis zu sehen. Im gesellschaftlichen Diskurs, insbesondere innerhalb der textilen Thematik im Kontext Klimawandel, können wir Verantwortung übernehmen, d.h. wir können durch Schritte in die richtige Richtung zeigen, dass umweltfreundlichen und faire Produktion zu durchaus erschwinglichen Preisen möglich ist. Ich möchte mir nicht anmaßen, zeitgenössischer Kunst eine aufklärende Aufgabe abzuverlangen – jeder Künstler hat die Freiheit, den Sinn und Zweck seiner Arbeit selbst zu definieren. Muss ein Kunstwerk immer den Finger in Wunden legen? Wenn sie es tut, finde ich das grundsätzlich gut. Wem das immer wieder hervorragend gelingt, ist Banksy - so zuletzt mit seinem Werk auf dem Southhampton General Hospital.

MS:

Wie könnte ein Dialog zwischen Mode und Kunst aussehen, wenn es darum geht, gesellschaftlichen Wandel zu anzuregen und Zukunft zu gestalten? Mit welchen Künstlern würdest du als Modedesigner und Textilunternehmer beispielsweise gerne in Austausch kommen? Welche Impulse und neuen Ideen könnten aus diesem Dialog hervorgehen?

 

HS:

Hier möchte ich wieder auf die urspüngliche Definition von Kunst zurückgehen, als Tätigkeit von Menschen, die auf Wissen, Übung und Wahrnehmung zurückgeht. Mehr als der Austausch philosophischer Standpunkte sind für unsere Arbeit konkrete Ansätze wichtig. Insofern stelle ich mir den Austausch und Dialog mit Umweltexperten hilfreich vor, um noch effizientere Lösungen zu finden.

MS:

Es wird ja oft gesagt, die besondere Kraft von Kunst (und da schließe ich jetzt mal den Gestaltungsprozeß von Design mit ein) bestünde darin, stets mutig und unerschrocken das Neue zu suchen und immer wieder auf einem leeren Stück Papier ganz von vorne zu beginnen. Du hast mir mal verraten, dass einer der schönsten Momente in deiner Arbeit der ist, neue Stoffe haptisch zu erkunden. Deine eigene Sensibilität und emotionale Wahrnehmung spielen bei der Auswahl der Materialien für jede neue Kollektion eine große Rolle. Du bist immer auf der Suche nach dem perfekten, nach dem besten Stoff.

Kannst Du uns verraten, welche Strategien, Rituale oder Techniken du für dich entwickelt hast, um den Weg in ein neues Projekt zu finden oder mit einer neuen Kollektion zu beginnen?

 

HS:

Der beste Stoff ist nur so gut, wie das Hemd oder die Bluse, die sich daraus realisieren lässt – hier spielen alle Faktoren der ursprünglichen Definition von Kunst zusammen: Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung und Intuition.

MS:

Was wünscht du dir ganz persönlich für eine bessere Zukunft? Angenommen es gelänge, eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie sähe diese Deiner Meinung nach aus?

 

HS:

Die Rückkehr zu einem Wertekodex jenseits von Massenkonsum würde der Welt zweifellos gut tun. Wachstum um des Wachstums willen kann nicht gutgehen – die aktuelle Krise macht dies deutlich. Ich habe die Hoffnung, dass die Menschen sich wieder auf bewussteren Konsum besinnen und Dinge wieder wertzuschätzen wissen.

MS:

Und noch eine letzte Frage zum Schluss:

Wer sollte deiner Meinung nach unbedingt auch im re:future Lab gefeatured werden?

An wen in deinen persönlichen Netzwerk denkst du da, zu dem du einen Kontakt herstellen könntest?

 

HS:

Ich möchte Danielle De Bie, die für das gesamte FIL NOIR-Wording verantwortlich zeichnet, vorschlagen. Ihr wacher Blick auf die Gegenwart, ihr Gespür für gesellschaftliche Strömungen und Entwicklungen und ihre Gabe diese in einen realistischen Kontext zu stellen sowie ihr kreativer Kopf können eine Bereicherung für das re:future Lab sein.

MS:

Lieber Heiko, hab herzlichen Dank, dass Du Dir trotz Deines vollen Kalenders die Zeit für unser Gespräch genommen hast.

The interview was conducted in May 2020

Text and interview: Madeleine Schwinge

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