re:future Lab featuring

Stella Geppert

Die sensuelle Fähigkeit des Körpers, sich in den Raum und in den jeweiligen Körper, in das Material, den Stoff und die Substanz „hineindenken“ zu können, ist ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit, in der Stella Geppert Bildhauerei, Zeichnung, Performances und Interventionen im öffentlichen Raum verbindet. Körpertechniken, die mit der Intelligenz des Körpers arbeiten verschränkt sie mit kommunikativen Prozessen. Sie lehrt bildhauerische und raumbezogene künstlerische Praxis an der University of Art and Design in Halle (Saale). Derzeit forscht sie zum Empathischen in der Kunst im Rahmen von „Routes Of Empathy“.

Über die Fähigkeit,
weit in die Vergangenheit vorausschauen zu können

Stella Geppert, Communications Captures, Foto: T. Nowitzki, Studio Geppert 2019
Stella Geppert, Communications Captures, Foto: T. Nowitzki, Studio Geppert 2019

Stella Geppert, COMMUNICATION CAPTURES, DEN FRIE, Copenhagen 2019 / Performative Installation, Close Encounters Vol.02, Dansehallerne c/o DEN FRIE, Centre of Contemporary Art, Copenhagen, 2019 / Concept, Choreography, Installation: Stella Geppert / Performer: Jan Burkhardt, Stella Geppert, Lukas Geschwind, David Kummer, Michelle Lui, Sophia Seiss / (Photo: Tim Nowitzki)

press to zoom
InsideT, 2020, Filmstill: P. Rohlfs, Stella Geppert, VG Bildkunst
InsideT, 2020, Filmstill: P. Rohlfs, Stella Geppert, VG Bildkunst

Stella Geppert, INSIDE T (COLLECTIVE), 4K, video installation, 17 min, 2020, Round Tower, Copenhagen / Papier, Stoff, Bänder, Plastikrohre, Kohle, Silikon (Filmstill: Paul Rohlfs)

press to zoom
LA CONSTITUTION, 2020, Stella Geppert
LA CONSTITUTION, 2020, Stella Geppert

LA CONSTITUTION DE L‘ORGAN TOUCHÉ PAR LES POUMONS (The constitution of the body affected by the lungs), 2020, Coal dust on paper, ca. 35 cm x 25 cm (Detail) (Photo: Mirjana Vrbaski)

press to zoom
Stella Geppert, Communications Captures, Foto: T. Nowitzki, Studio Geppert 2019
Stella Geppert, Communications Captures, Foto: T. Nowitzki, Studio Geppert 2019

Stella Geppert, COMMUNICATION CAPTURES, DEN FRIE, Copenhagen 2019 / Performative Installation, Close Encounters Vol.02, Dansehallerne c/o DEN FRIE, Centre of Contemporary Art, Copenhagen, 2019 / Concept, Choreography, Installation: Stella Geppert / Performer: Jan Burkhardt, Stella Geppert, Lukas Geschwind, David Kummer, Michelle Lui, Sophia Seiss / (Photo: Tim Nowitzki)

press to zoom
1/4

MADELEINE SCHWINGE:

Kann Kunst und Kultur gesellschaftlichen Wandel fördern und welche Rolle könnten dabei insbesondere Künstler*innen und ihr Werk einnehmen? Könnte man sogar von einer führenden Rolle sprechen?

STELLA GEPPERT:

Ja, Kunst und Kultur kann gesellschaftlichen Wandel fördern, es hängt aber ganz von dem Bewusstsein aller Beteiligten ab. Kunst und Kultur sind wie Planeten im Weltall, in denen verschiedene Substanzen einander ringen in Form gebracht zu werden. Kunst ist ein Ausdruckinstrumentarium mit erhöhtem Bewusstsein für gesellschaftliche Zusammenhänge existentieller Art. Als Kunstschaffende sehe ich mich in der Verantwortung mit dieser künstlerischen Kraft behutsam und verantwortungsvoll umzugehen. Als Künstlerin teile ich mit. Ich teile. Teilen geht nicht allein und macht nur Sinn, wenn andere auch teilhaben. Wenn es dem Kunstwerk oder der Performance gelingt einen erweiterten Blick und kollektives Gefühl zu initiieren, dann entsteht so etwas wie eine Art Umlaufbahn, an die wir immer wieder andocken können. Sie erzählt mir von der dringlichen Notwendigkeit des Ausdrucks des Lebens in seiner Zeit. Jedem Ausdruck folgt ein Eindruck. Im schönsten Fall ohne Namen und einfach durch eine sinnliche Prägung und ein Gefühl auf unmittelbarer Art und Weise.

Ich würde der Kunst und dem Kunstwerk ungern eine führende Rolle zuweisen, sondern sie als ein zu Formendes immer wieder begreifen wollen, dass über anteilnehmendes Bewusstsein und durch sich Hineinversetzen in Etwas nach Verkörperung drängt. Diese kollektiv erfahrbare Verkörperung in dem Erleben von Kunst fördern einen Wandel. Es gibt eine Intelligenz der Wahrnehmung von Kunst fern ab gängiger Rezeptions-, Repräsentations- und Vermarktungsmechanismen.

 

 

MS:

Angesichts der radikalen Veränderungen und Krisen, die unsere Epoche prägen, dürfen wir es da überhaupt wagen, auf eine bessere Zukunft zu hoffen? Und welche Wirkkraft könnte ‚Erzählung’ für die aktive Gestaltung von Zukunft entfalten?

SG:

Wir leben in einer extrem dringlichen Zeit zu handeln, und müssen an jene denke, die nach uns auf dem Planeten leben werden. Ich finde es ist eine Qualität künstlerischen Schaffens gerade den Mut zu haben sich immer wieder aufzubäumen und sich in Ambiguitätstoleranz zu üben, ohne die Hoffnung zu verlieren. Darin liegt die Fähigkeit „Zurück und Vorwärts“ zu gleich blicken zu können, im Konkreten als auch im übertragenden Sinne. Letztlich ist „Zukunft“ ein „schon immer Jetzt“, das von der empathischen Fähigkeit getragen wird, weit in die Vergangenheit vorausschauen zu können. Innerhalb dieser flirrenden Schwingung zwischen den Zeiten entspringt ein Narrativ das nur kollektiv entschlüsselt werden kann.

MS:

Welche Impulse könnten aus einem transdiziplinären Dialog zwischen Kunst, Kultur und anderen Fachgebieten hervorgehen, die die Kraft hätten, gesellschaftlichen Wandel zu fördern? Welche Expert*innen und Disziplinen könnten für deine Arbeit fruchtbar sein?

SG:

Einen wirklichen Sprung in der Verknüpfung von Wissenschaften und Kulturen würden wir machen, wenn wir weiter Wissenshierarchien und Wertschöpfungsketten abbauen. Astronaut*in, Archäolog*in, Physiker*in, Meeresbiolog*in.

MS:

Angenommen es gelänge, eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie könnte diese neue Welt deiner/ Ihrer Meinung nach aussehen? Was wünschst du dir persönlich für ein besseres Morgen?

SG:

Gestern war noch besser als Morgen. Ich sehe den Schritt in die Zukunft unter Einbezug der Reparatur, des Respekts, der Einfühlung und Demut. Ich habe den Wunsch nach dreidimensionalem Innehalten.

MS:

Es wird oft gesagt, eine besondere Fähigkeit von Künstler*innen und Kreativen sei es, unerschrocken Neues zu wagen und immer wieder auf einem weißen Stück Papier ganz von vorne zu beginnen. Welche Strategien oder Rituale nutzt du persönlich, um mit einem neuen Projekt zu beginnen?

SG:

Das weiße Papier hat bereits eine Geschichte. Halbwacher Zustand, Erschütterung meiner Gewohnheit, Grüner Tee, Schlafen, Körpertechniken, konsequentes Nichtstun, Tanzen und Schwimmen. Seismographisches Herumstehen, sichtbares Verschwinden, intuitive Selbstverständlichkeit von Handlungen, träumendes Denken mit erhöhter Aufmerksamkeit.

MS:

Danke dir, liebe Stella, für deine Ausführungen. Ich sehe dich schon vor mir, in flirrender Schwingung zwischen den Zeiten seismographisch herumstehend und im nächsten Moment im Gespräch mit der Meeresbiologin sichtbar im Ozean verschwindend. Wir sind schon sehr gespannt auf die weitere Zusammenarbeit mit dir im re:future Lab!

The interview was conducted in Juni 2021

  • Instagram Stella Geppert