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Charlie Stein

Charlie Stein (*1986) beschäftigt sich in ihrer Arbeit mit den unterschiedlichen Wahrnehmungen kultureller Identität im Kontext einer hoch digitalisierten, visuell übersättigten Welt. Ihr Material gewinnt sie aus der Recherche, das sie in Zeichnungen, Installationen, Objekte, Malerei und Text überträgt. Digitale Medien, Soziale Netzwerke und moderne Formen der Kommunikation sind zentrale Aspekte ihrer Arbeit, die sie immer wieder neu verhandelt. Ihre Arbeit beschäftigt sich mit zeitgenössischen kulturell-informierten Ästhetiken und hinterfragt bestehende Wahrnehmungsmodi.  Nach dem Studium der freien Malerei und Grafik bei Gerhard Merz hat Stein bei Christian Jankowski Bildhauerei studiert und 2017 als Meisterschülerin abgeschlossen. 2015 war sie für das Schmidt-Rottluff Stipendium nominiert, ist ehemalige Stipendiatin des DAAD und der BW-Stiftung. 2019 erhielt Stein den Kunstpreis der Stadt Limburg. Sie war mit ihrer Arbeit bei der Manifesta 11 in Zürich, Blackball Projects in New York, im Songjiang Art Museum in Shanghai und während der Istanbul Bienniale 2017 verteten. Charlie Stein lebt und arbeitet in Berlin.

Erzählung stärkt unser Empathieempfinden

Charlie Stein, Bathers, 2020
Charlie Stein, Bathers, 2020

Oil on Canvas, 60 x 80 cm, Courtesy: Charlie Stein

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Charlie Stein, Siri und Alexa im Garten, Siri and Alexa in the Garden, 2021
Charlie Stein, Siri und Alexa im Garten, Siri and Alexa in the Garden, 2021

Coloured Pencil on Paper, 29.7 x 21 cm, Courtesy: Charlie Stein

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Charlie Stein, 2021
Charlie Stein, 2021

Courtesy: Charlie Stein

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Charlie Stein, Bathers, 2020
Charlie Stein, Bathers, 2020

Oil on Canvas, 60 x 80 cm, Courtesy: Charlie Stein

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MADELEINE SCHWINGE:

Kann Kunst und Kultur gesellschaftlichen Wandel fördern und welche Rolle könnten dabei insbesondere Künstler*innen und ihr Werk einnehmen? Könnte man sogar von einer führenden Rolle sprechen?

CHARLIE STEIN:

In meinem Verständnis befindet sich die Kunst in der Position der Avantgarde, die zu erspüren versucht wohin sich Gesellschaften bewegen, bevor das verschriftlicht oder letztlich zu Mainstream wird. Die Kunst nimmt damit die Funktion eines Seismographen in unserer Gesellschaft ein und sie deutet an, wohin unsere Entwicklung geht.

 

 

MS:

Angesichts der radikalen Veränderungen und Krisen, die unsere Epoche prägen, dürfen wir es da überhaupt wagen, auf eine bessere Zukunft zu hoffen? Und welche Wirkkraft könnte ‚Erzählung’ für die aktive Gestaltung von Zukunft entfalten?

CS:

Man sollte generell immer auf eine bessere Zukunft hoffen. Erstens ist das zutiefst menschlich und zweitens hat sich für die Mehrheit der Bevölkerung die Lebenssituation insgesamt kontinuierlich verbessert. Aber gerade im Umgang mit den strukturell Schwächeren, den Minderheiten und den sonst unterrepräsentierten Bevölkerungsgruppen gibt es viel, das berichtigt werden muss. Erzählung hilft dabei, nachzuvollziehen was andere durchleben, sie stärkt unser Empathieempfinden und hilft uns, unsere eigenen Privilegien wahrzunehmen und kritisch zu hinterfragen, wie wir die Welt gerechter gestalten können.

 

MS:

Welche Impulse könnten aus einem transdiziplinären Dialog zwischen Kunst, Kultur und anderen Fachgebieten hervorgehen, die die Kraft hätten, gesellschaftlichen Wandel zu fördern? Welche Expert*innen und Disziplinen könnten für deine Arbeit fruchtbar sein?

CS:

Soziologie und Kulturtheorie sind die wichtigsten Fixpunkte für meine Arbeit. Natürlich spielt auch die Literatur eine entscheidende Rolle. Ich habe oft das Gefühl, dass die Kunstwelt von vielen anderen Disziplinen verhältnismäßig selten „besucht“ wird; sie wird häufig wie ein merkwürdiger schrulliger Verwandter dritten Grades als zu abgehoben abgetan, um sich auf eine Diskussion einzulassen. Das liegt primär an dem sich nach wie vor hartnäckig haltenden Mythos des „Künstlergenies am Rande der Gesellschaft“, wie John Ruskin ihn um die vorige Jahrhundertwende beschrieben hat. Solange diese Schablone über jeden Diskurs mit Künstler*innen gelegt wird, wird die Diskussion nicht fruchtbarer und der Austausch bleibt eine bloße Karikatur. Kunstschaffende gehören in Expertenkommissionen, auf Panels und müssen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Das ist eine politische Aufgabe. Auch wenn er es faktisch nie gesagt hat, so trifft die viel und falsch zitierte Antwort von Churchill auf die Frage, ob man die Ausgaben für die Kunst im Zuge des Krieges nicht kürzen könne, einen entscheidenden Nerv: „If we cut the art funding - then what are we fighting for?“

 

 

MS:

Angenommen es gelänge, eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie könnte diese neue Welt deiner/ Ihrer Meinung nach aussehen? Was wünschst du dir persönlich für ein besseres Morgen?

CS:

Es muss eine stärkere Bewegung hin zur Inklusivität von Minderheiten, Menschen mit Beeinträchtigungen und auch der Diskurs über die Benachteiligung der LGBQT* Community passieren. Dass nach so langer Zeit der Gleichberechtigung auf dem Papier in der Realität nach wie vor Ungleichheiten in der fairen Behandlung der Geschlechter passiert, ist eine erschreckende Realität. Es muss jedem Mann in Deutschland peinlich sein, dass seine Frau oder seine Tochter unabhängig davon, wie klug oder durchsetzungsstark ist, sie mit einer höheren Wahrscheinlichkeit weniger verdient, Opfer sexueller Gewalt und Belästigung wird und in die Altersarmut fallen kann. Chancengleichheit schafft mehr Möglichkeiten, sie macht eine Gesellschaft resilient und kooperativ. Niemand schafft alles alleine. Die Gesellschaft muss lernen, auch Menschen mit weniger Privilegien zu helfen und sie zu unterstützen. Nur so kann die Transformation zu einer fairen Gesellschaft langfristig zum Erfolg kommen.

 

 

MS:

Es wird oft gesagt, eine besondere Fähigkeit von Künstler*innen und Kreativen sei es, unerschrocken Neues zu wagen und immer wieder auf einem weißen Stück Papier ganz von vorne zu beginnen. Welche Strategien oder Rituale nutzt du persönlich, um mit einem neuen Projekt zu beginnen?

CS:

Ich glaube, dass das bei mir mittlerweile ganz fließende Prozesse sind. Ich habe gelernt, sehr stark auf meinen eigenen Rhythmus zu vertrauen, ich streite nicht mehr mit mir selber, ich behandle mich wie einen normalen Erwachsenen Menschen - im gewissen Grad wie eine andere Person. Respekt gegenüber sich selbst verhindert, dass man sich Dinge aufdrängt. Wenn ich etwas Neues beginne, habe ich das bereits vorher entschieden, oder ich will es tief in meinem Innern. Es kostet mich keine Überwindung im eigentlichen Sinne und ich fürchte mich auch nicht vor neuen Herausforderungen. Ich habe hart dafür gekämpft Herausforderungen haben zu dürfen - sie sind bereits eine Form von Erfolg. 

The interview was conducted in April 2021

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