re:future Lab featuring

Paula Doepfner

Paula Doepfner, geb. 1980 in Berlin.

Arbeitet mit Zeichnung aus Schrift und Objekten aus Glas und Eis.

Lebt und arbeitet in Berlin und Rom.

Leere zu ertragen ist wichtig, damit Neues entstehen kann

Paula Doepfners Zeichnungen bestehen aus kleinster Schrift auf transparentem Papier. Mit kleinen Buchstaben (Ø 1 mm) schreibt sie Textlinien auf, die zu Schriftbildern werden. Sie sehen aus wie abstrakte Formen, basieren aber auf Skizzen, die sie als Zuschauerin von Hirnoperationen und Obduktionen an der Charité Berlin gemacht hat. Es sind verfremdete Hirnareale und Nervenzellen. Die Textzeilen, die die Linien der Bilder formen, hat sie medizinischen UN-Berichten zur Erfassung und Dokumentation von Folter entnommen.

MADELEINE SCHWINGE:

Liebe Paula, Du nutzt in Deiner Arbeit oft Material und Spuren gesellschaftlicher Brennpunkte, wie beispielsweise die gerade erwähnten Texte zur Erfassung von Folter. Oder für einige Deiner großen Blütenarbeiten, wofür Dir zerstörte Glasscheiben dienen, die durch Einschüsse bei einem Banküberfall zersplittert wurden. Aus der Zerstörung erwachsen hier, entlang der Bruchstellen und weiter hinaus, zarte Landschaften aus Blüten und Pigmenten. Ich finde das unglaublich tröstend; die Vorstellung, dass, vielleicht aus noch so großem Schrecken, mit der Zeit neues Leben entsteht, das ins Licht strebt.

Was meinst Du, gibt es eine Verantwortung von zeitgenössischer Kunst in der Gesellschaft? Können Künstler mit ihrem Werk persönliche und gesellschaftliche Veränderungen anregen?

PAULA DOEPFNER:

Kunst sollte sich nicht fragen, welche Aufgabe sie für die Gesellschaft haben kann. Sie muss sich keiner Vorstellung unterordnen. Kunst sollte sich nicht rechtfertigen. Dieser Erklärungszwang ist ein Phänomen unserer Zeit - jede Handlung wird auf ihren Sinn hin überprüft. Ich denke Kunst muss akausal bleiben, damit sie auf etwas hinausweisen kann, das hinter dem Vorhandenen steht.

 

MS:

Angesichts der großen Herausforderungen, die unsere aktuelle Epoche prägen - dürfen wir es da überhaupt wagen, zu hoffen und eine bessere Zukunft zu imaginieren? Welche Rolle kann Erzählung in Zeiten von großen Krisen und Umbrüchen spielen?

 

PD:

Ob wir es wagen oder nicht, tun werden wir es dennoch - uns eine bessere Zukunft vorstellen.

 

 

 

MS:

Wie könnte ein Dialog zwischen Kunst und anderen Disziplinen aussehen, um gesellschaftlichen Wandel zu fördern und Zukunft zu gestalten? Mit welchen anderen Disziplinen würdest du gerne in Austausch kommen? Welche Impulse und neuen Ideen könnten daraus hervorgehen?

 

PD:

Kunst kann mit anderen Disziplinen im Austausch sein. Ich habe Skizzen während Hirnoperationen und -obduktionen gemacht, im Labor mikroskopiert, mit Lyrikerinnen und Lyrikern zusammengearbeitet; bespreche mich mit einem Baumhistoriker und mache Projekte mit Philosophen und Psychoanalytikern. Mir war und ist diese Zusammenarbeit wichtig; ob interdisziplinäre Kunst aber einen Wandel fördern kann, weiß ich nicht. Der Dialog muss erstmal Sinn machen und keinem Ziel untergeordnet sein. Dann kann er heraustreten.

 

 

 

MS:

Was wünscht du dir für ein besseres Morgen? Angenommen es gelänge, eine bessere Welt auf den Ruinen der alten aufzubauen - wie sähe diese deiner Meinung nach aus?

 

PD:

Ich hoffe mit Robert Musil „anders Mensch zu werden“.

 

 

MS:

Es wird ja oft gesagt, die besondere Kraft von Kunst bestünde darin, stets mutig und unerschrocken das Neue zu suchen und immer wieder auf einem leeren Stück Papier ganz von vorne zu beginnen.

Hast Du für dich Strategien, Rituale oder Techniken entwickelt, um den Weg in ein neues Projekt zu finden oder mit einer neuen Arbeit zu beginnen?

 

PD:

Leere zu ertragen ist wichtig. In Phasen der Ruhe entsteht erst etwas Neues.

 

 

 

MS:

Und noch eine letzte Frage zum Schluss: Wer sollte deiner Meinung nach auch unbedingt im re:future Lab gefeatured werden? An wen in deinem persönlichen Netzwerk denkst du da und könntest einen Kontakt herstellen?

 

PD:

Zwei KünstlerInnen, deren Arbeit ich komplex und wichtig finde - Annabel Daou und Michael Müller. Genauso wie das Werk der Komponistin Sarah Nemtsov.

MS:

Liebe Paula, ich danke Dir sehr für den Einblick und deine Gedanken zu meinen Fragen.

Text and interview: Madeleine Schwinge

The interview was conducted in August 2020

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