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Valérie Favre

Valérie Favre (geb. 1959) ist eine französisch-schweizerische bildende Künstlerin. Seit 2006 ist sie Professorin für Malerei an der Universität der Künste in Berlin. 2012 wurde sie in Frankreich mit dem renommierten Prix Marcel Duchamp ausgezeichnet. Nach einer Theaterausbildung arbeitete sie seit Beginn der 1980er Jahre zunächst als Bühnenbildnerin und Schauspielerin in Paris, wandte sich dann aber ganz der Malerei zu. Seit Ende der 1990er Jahre lebt und arbeitet sie in Berlin. Ihr Werk ist geprägt von Bezügen zu Themen der Kunstgeschichte, der Philosophie, Theater und Film und wurde in internationalen Sammlungen und Ausstellungen geehrt, unter anderem in der Heydt Kunsthalle Wuppertal (2016/2017), im Musée d'art moderne et contemporain in Strassburg (2016), im K21 Düsseldorf (2010/2011), im Kunstmuseum Luzern (2009/2010), im Carré d'Art Nîmes (2009), im Centre Pompidou (2009) und im Haus am Waldsee (2006).

Malerei, ein Weltentheater

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Ghost (After Witches' Flight by Goya), 37 x 58 cm, oil on canvas, 2014-2015, Private Collection, Courtesy Galerie Barbara Thumm Berlin

Valérie Favre beschrieb sich selbst einmal als Geschichtenerzählerin. Seit vielen Jahren baut sie ein immenses Werk aus Gemälden, Zeichnungen und Objekten auf, in dem sie nach und nach alles zu einer grossen Fabel zusammenfügt. Für die Komposition ihrer komplexen Werkreihen schöpft sie aus dem breiten Repertoire der Kunstgeschichte und Philosophie sowie aus Theater und Film. Das französische Autorenkino der Nouvelle Vague beeinflusste sie schon früh, und die Wirkung des Science-Fiction-Films ist in vielen ihrer Werke unmittelbar spürbar und erlebbar. Darüber hiknaus unterwirft sie sich oft bestimmten Regeln, um innerhalb dieser Regeln völlige Freiheit auszuloten: sei es die selbstbestimmte Beschränkung der Farbpalette oder die Unterwerfung unter zufällige Ergebnisse der von ihr entwickelten "Poullinaire ", eine Art von Glücksrad, das bestimmte Richtlinien vorgibt und dem Werk eine Richtung zuweist.
 

Als aufmerksame Beobachterin ihrer Zeit befasst sie sich mit menschlichen, gesellschaftlichen und geopolitischen Fragen. Um ihre Geschichten zu erzählen, stellt sie eine ganze Truppe von Protagonisten eines aus den Fugen geratenen Welttheaters zusammen: menschliche Archetypen, den Tod, Selbstmörder, Kakerlaken, Hexen und Fabelwesen geheimnisvoller Schattenwelten. Sie inszeniert ihre Figuren auf der Bühne ihrer Gemälde und arrangiert so ihre eigenen Theaterstücke. Dort leben die Figuren ihr eigenes Leben, manchmal verschwinden sie im Nebel und zuweilen tauchen sie aus diesem Nebel wieder auf. Und dann geht Valérie noch einen Schritt weiter: In ihren groß angelegten Serien wie 'Balls and Tunnels', 'Fragmente' oder ihrem jüngsten Zyklus 'Kosmos' - bleibt uns als Zuschauer nur die Erinnerung an das Stück. Hier ist die Erzählung völlig von den Figuren befreit. Aber: Ist das wirklich so? Wir könnten uns leicht vorstellen, dass sie in ferne Galaxien entschwunden sind und dort ihr Dasein fortführen...

Dieses Interview entstand anlässlich der Gruppenausstellung "Actually, the dead are not dead. Politics of Life" im Württembergischen Kunstverein Stuttgart (28.02.2020 bis 23.08.2020), in der ein Teil ihres Selbstmordzyklus gezeigt wird. Die Ausstellung geht der Frage nach, wie unser Umgang mit denen, die nicht mehr oder noch nicht existieren, neu definiert werden kann: in Bezug auf die Frage nach der Verantwortung für vergangene und zukünftige Leben.

Anfang dieses Jahres kam ich nach Stuttgart, um im Rahmen dieser aktuellen Gruppenausstellung an einem Künstlergespräch mit Valérie Favre in der Staatsgalerie Stuttgart teilzunehmen. Davor habe ich natürlich die Ausstellung besucht. Ihre Selbstmordserie spielt in der dortigen Präsentation eine zentrale Rolle. Favres Arbeiten haben einen eigenständigen quadratischen Raum im Raum erhalten, in dem eine große Auswahl ihrer Selbstmord Motive ringsherum in einer Reihe angebracht sind. Ich betrat also diesen Raum, drehte mich wie automatisch in einer 360 Grad Bewegung einmal rings herum und kam wie von selbst vor einem bestimmten Bild zu stehen. Sofort sah ich einen Zusammenhang zwischen diesem und anderen Bildern aus anderen Serien ihres Werkes. Vielleicht hatte sie das nicht beabsichtigt, aber ein Zusammenhang zwischen den Bewegungsrichtungen in ihren Bildern kam mir sofort in den Sinn. Und die Richtung scheint sich im Laufe der Jahre sogar geändert zu haben! Ich wollte meiner Entdeckung auf den Grund gehen und bat sie um ein Interview.

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Von der Brücke gestürzt, Jump off the Bridge, 24 × 18 cm, oil on canvas, 2007-2008, Courtesy Galerie Barbara Thumm Berlin

Das Bild, vor dem ich in der Ausstellung zum Stehen kam, war 'Von der Brücke gestürzt/ jumped off the bridge' (2007-2008). Die Brücke ist sehr weit an den oberen Bildrand gerückt, in der Bildmitte befindet sich eine Figur in freiem Fall vor dem Hintergrund des dunklen Himmels und umgeben von einem mystischen gelben Nebel. Werden wir hier Zeuge des Moments kurz vor dem tödlichen Aufprall auf dem Wasser, des unruhigen Flusses, der unten vorbei zu fließen scheint?

In der einige Jahre später entstandenen Serie ‚Ghost‘ (nach Goya)' hat sich die Flugrichtung in Favres Bildern geändert. Hier zeigt Favre wieder fliegende Figuren. Doch diesmal wird die Figur von zwei oder mehr anderen Figuren in den Himmel getragen werden, es ist davon auszugehen, dass die gen Himmel getragene Figur also bereits tot ist. Mir kam vor allem ein Bild dieser Serie in den Sinn, das 2014-2015 entstanden ist. Denn es ist sehr ähnlich aufgebaut wie das Bild in der Selbstmord-Ausstellung. Auch hier sind die Figuren von einem geheimnisvollen Nebel umgeben. Die türkisblaue Fläche im unteren Teil dieses Bildes könnte an den Fluss unter der Brücke des Selbstmordbildes erinnern, und in den vertikalen Elementen im rechten Teil des Bildes könnten wir sogar die Brückenpfeiler vermuten. Wenn wir also eine Verbindung zwischen diesen beiden Bildern herstellen wollten, so könnten wir annehmen, dass die verzweifelte Szene des Brückensturzes sich nun, einige Jahre später, zu etwas Hoffnungsvollem gewandelt hat. Und das umso mehr, da Favre sich auf Goyas Hexenflug bezieht; und Goya eine Nähe zur Bewegung der Freimaurer nachgesagt wurde, eine Verbindung, weswegen sein Hexenflug-Zyklus einst als symbolischer Aufstieg aus der irdischen Finsternis ins Licht der Aufklärung gedeutet wurde.

Im Folgenden möchte ich diesem Gedankenspiel noch ein weiteres, drittes Bild von Favres Werken hinzufügen: 'Fragment 0'. Hier sehen wir einem riesigen Lichtnebel, die Oberfläche im Vordergrund könnte einer trostlosen Geröllwüste oder einsamen Eislandschaft ähneln.  Die zentrale Lichtnebel ist noch da, Ihre Figuren sind aber im großen Unbekannten verschwunden. Ich frage mich: Welchen Punkt in Zeit und Raum stellt Valérie Favre hier dar? Sehen wir die totale Zerstörung der Welt, wie wir sie kennen? Ist dies, mit anderen Worten, der Moment kurz nach dem Ende der Menschheit, die sich selbst ausgelöscht hat? Haben wir es hier mit einer Quasi-Urknall-Situation zu tun, mit der Entstehung neuer Galaxien? Könnte es vielleicht sein, dass sich Favres Figuren pulverisiert haben - oder dass sie für uns unsichtbar geworden, vielleicht noch viel weiter in den Himmel aufbrechen, um dort neue Galaxien und Universen zu entdecken?

Poesie, unabdingbarer Denkraum

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Fragment 0, 220 × 200 cm, ink and oil on canvas, Private Collection, Courtesy Galerie Peter Kilchmann Zürich

MADELEINE SCHWINGE:
Liebe Valerie, deine Arbeit verfolgte ich schon lange als wir uns vor einigen Jahren auch persönlich begegnet sind, woraus sich eine schöne Freundschaft entwickelt hat. Deshalb darf ich sagen, der Austausch mit dir als Künstlerin und auch als Freundin ist immer eine große Bereicherung. Ich freue mich umso sehr, dass du so spontan zugesagt hast, meine Fragen zu beantworten.

Ich sprach gerade von den neuen Universen in deiner Arbeit, die sich vielleicht als neuer Möglichkeitsraum deuten lassen. Das führt mich auch direkt zur ersten Frage: Inwieweit spielt für dich das Prinzip 'Hoffnung' in deiner Arbeit eine Rolle? Glaubst du, dass wir es überhaupt wagen können, angesichts der von suns elbst verursachten Katastrophen, auf eine bessere Welt zu hoffen?


VALÉRIE FAVRE:
Offen gesagt denke ich, dass die Welt noch nie schön und angenehm war, besonders nicht für uns Frauen. Ich bin ein realistischer Pessimist. Was wir derzeit erleben, ist vielleicht nichts im Vergleich zu der Katastrophe, die so still ist wie dieser Virus, und die den Klimawandel und den Zusammenbruch der Artenvielfalt verursacht. Viren werden Teil einer ganzen Serie zukünftiger Katastrophen sein, wenn wir die Art, wie wir auf diesem kleinen Planeten zusammenleben, nicht drastisch ändern. Die Folgen, die dies in den verschiedenen Gesellschaften haben wird, werden sich noch verstärken, so zum Beispiel der Unterschied zwischen Arm und Reich. Und zweifellos auch zu mehrfachen Rückschritten bei den erworbenen Rechten, zum Beispiel für Frauen, die auch die ersten großen Opfer sein werden... Das Problem ist, dass die Menschen große Schwierigkeiten haben, die Folgen ihres eigenen Handelns vorauszusehen, und die kapitalistische Gesellschaft ist leider nur auf kurzfristige Ziele ausgerichtet. Vielleicht besteht eine Hoffnung darin, dass dieser Virus uns nun die Möglichkeit eröffnet, diesen Irrwegen auszuweichen, ohne schnell Rechenschaft für unser Handeln ablegen zu müssen.

 
MS:
Was ist deiner Meinung nach die Verantwortung zeitgenössischer Kunst und was die Rolle der Künstler in unserer Gesellschaft? Könnten Künstler Katalysatoren in einem Prozess der Transformation sein?

 

VF:
Ich weiß nicht, ob Künstler etwas tun können. Meiner Meinung nach haben Künstler viel von ihrem Status verloren, genauso wie Politiker, Wirtschaftswissenschaftler etc. Es wird niemandem mehr wirklich zugehört, außer Diktatoren und Marionetten - und außerdem, wie soll man bei all dem Trubel überhaupt noch etwas hören? Ich glaube nicht, dass zeitgenössische Kunst eine Aufgabe zu erfüllen hat. Kunst sollte frei und transgressiv sein, sie sollte parallele Wege aufzeigen... Aber ich sehe gerade nicht viele Wege. Und die Rolle des Künstlers? Ich persönlich stelle mir die gleiche Frage... Ursprünglich hatten Künstler einmal den Status von Visionären an den Rändern der Gesellschaft. In der Gegenwart haben wir eine Art Industrialisierung der Kunst entwickelt, bei der wir Künstler wie Angestellte in Unternehmen produzieren  - nur, wo beliebt da noch Raum für Poesie? Es wäre genau dieser subtile und abstrakte Denkraum der Poesie, der heute gefragt ist! Der Poesie sollte überhaupt viel mehr Raum gegeben werden, als jemals zuvor... und hier habe ich paradoxerweise viel Hoffnung...

 
MS:
Du wirst als eine hervorragende Geschichtenerzählerin wahrgenommen. Welche Rolle spielt Erzählung Deiner Meinung nach in Zeiten von Krisen und großen Umwälzungen?


VF:  
Sich Geschichten zu erzählen war schon immer sehr wichtig; von den Geschichten, die wir Kindern erzählen, um sie in den Schlaf zu wiegen, bis hin zu den kulturell überlieferten Geschichten unserer Zivilisation, und heute in der Gegenwart. Ich denke, Erzählung ist unabdingbar; sie erhält uns am Leben.
 
 
MS:
Du beschäftigst dich intensiv mit dem politischen Zeitgeschehen, beziehst deine Inspiration aus Philosophie, Film und Theater. Gibt es weitere Disziplinen, die dich interessieren? Wie könnte ein solcher Dialog aussehen? Und welche neuen Ideen könnte dieser Dialog hervorbringen?
VF:

Ich denke da zum Beispiel an den Verein 'Les nouveaux commanditaires', der Kunstprojekte an Orte bringt, die sonst nicht unbedingt Kunst als Rahmen haben, wie beispielsweise Außenflächen in Dörfern - eine großartige Initiative. Es ist wie eine Art Volkstheater, das früher einmal einen guten Ruf hatte. Es ist zweifellos im Multidisziplinären, in der Diagonale des Schrägen, wo wahrscheinlich neue Formen der künstlerischen Erfahrung gemacht werden. Auf der anderen Seite kann sicher nichts die Zeit ersetzen, die man einer Arbeit widmen muss, was einer der wenigen positiven Aspekte der gegenwärtigen Enge des Corona bedingten Lockdowns ist.

 
MS:
Angenommen, eine bessere Welt könnte aus den Ruinen der alten Welt wieder auferstehen , wie würde sie für dich aussehen? Was wünschst du dir für eine bessere Zukunft?
VF:  
Ich wünsche mir einen Paradigmenwechsel. Zum Beispiel in der Kunstwelt, mit der ganzen Multiplikation von Kunstmessen und Biennalen...  das Diktat, wo du überall gewesen sein sollst, was du gesehen haben sollst oder an was du hättest teilnehmen sollen - vielleicht sollten wir das überdenken... An der Universität, an der ich lehre, und in der Galerie, die mich in Berlin vertritt, suchen wir im Moment nach anderen neuen Wegen und nach Möglichkeiten im virtuellen Raum, sei es im Bereich der Produktion oder der Distribution. Natürlich ist das etwas völlig anderes als die Realität. Im Vergleich zu einer Arbeit am realen Ort, wird das Virtuelle die Arbeit selbst. Das eröffnet ganz neue Perspektiven. Es erinnert mich an ein Laboratorium, in dem die gesamte Vorstellungskraft der Welt auf Bildschirmen abgeflacht würde; so als wäre man im Gehirn eines Autors und könnte sich mit einer seiner Synapsen verbindet, vielleicht mit allen Synapsen gleichzeitig, bis er dann zu einer seiner Synapsen wird. Das wäre eine lebendige virtuelle Erfahrung... ich mache nur Spaß (lacht).

 


MS:
Es wird oft gesagt, dass die Stärke der Kunst darin liegt, einen Neuanfang zu wagen, immer und immer wieder, mutig und furchtlos, unermüdlich auf einem leeren Blatt Papier neu zu erschaffen. Was sind deine persönlichen Strategien, um den Weg in ein neues Werk zu finden? Benutzt du zum Beispiel bestimmte Rituale oder Techniken?
VF:
Ich habe sicherlich viele Ereignisse aus meinem Leben bewusst und unbewusst in meine Arbeit übersetzt. In diesem gegenwärtigen Moment des Eingeschlossenseins und der damit verbundenen Veränderungen, die wir alle gerade durchmachen, merke ich, dass nichts die Zeit ersetzt. Dass wir endlich, wenn auch vielleicht nur für einige von uns Privilegierten, die notwendige Zeit vor uns haben, um lange gehegte Vorhaben auf den Weg zu bringen. Auch wenn das nicht gerade eine Strategie ist...


MS:
Liebe Valerie, vielen Dank für dieses intensive Gespräch und deine persönlichen Einblicke. Wie immer war es äußerst bereichernd, deinen Gedanken zuzuhören. Lass mich vielleicht eine letzte Frage anschließen: Wer sollte deiner Meinung nach sonst noch in der re:future Lab-Interviewreihe vertreten sein?
VF:
Um die Kausalitäten dessen, was mit gerade uns passiert, zu erforschen, würde ich vorschlagen, den Philosophen Hartmut Rosa zu treffen. Und auf jeden Fall sein Buch "Unverfügbarkeit" zu lesen. Ich würde auch vorschlagen, Dichter und Schriftsteller zu treffen, all jene, die in der Lage sind, den Raum der Emotionen ohne Lärm, in Stille zu bewältigen.
 

Text and interview: Madeleine Schwinge

The interview was conducted in April 2020.

It has been edited for clearness.

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